Vom Fußgänger zum Piloten in 7 Monaten

Oliver

Oliver

An dieser Stelle möchte ich gerne über meine Ausbildung zum Segelflugzeugführer schreiben, die ich dank der großartigen Unterstützung im Verein in nur 7 Monaten abschließen konnte.

Wie bin ich überhaupt zum Segelfliegen gekommen? Ganz einfach, meine Arbeitskollegin und gute Freundin Jovana war der Meinung, dass mir Segelfliegen auf jeden Fall gefallen würde und hat mich quasi auf den Flugplatz „mitgeschleppt“. Zugegebenermaßen war meine Gegenwehr aber auch nicht sehr ausgeprägt, weil ich mir auch gut vorstellen konnte, mit diesem Hobby anzufangen.

Wer mich kennt, weiß dass ich mich unglaublich für Sachen begeistern kann und dann für ein Thema brenne. Und diese Begeisterung hört dann auch nicht mehr auf. Zuletzt war das Snowboarden und Skifahren sowie die perfekte Zubereitung von Kaffee, aber ich glaube so sehr wie beim Segelfliegen hat es mich noch nie erwischt.

Im Endeffekt war jeder einzelne Flug etwas ganz Besonderes und ist mir sicherlich nochmal genauso lange durch den Kopf gespukt wie er eigentlich gedauert hat, gerade am Anfang eher noch viel länger. Da es sicherlich niemand aushält, wenn ich hier alle meine 100 Starts bis zum Schein minutiös dokumentiere, beschränke ich mich auf die wichtigsten Flugtage und Flüge in Tagebuchform.

28.03. – Start 1

Mein erster Tag als Flugschüler sollte also heute sein. Zum ersten Mal geht es also nun am Ostermontag morgens um 8:30 h in Kaiserslautern los, damit wir rechtzeitig zum Briefing um 9:30 h am Flugplatz in Lachen Speyerdorf sind. Im Briefing erfahre ich wie der Flugtag ablaufen wird, welche Flugzeuge wir heute mit an den Start nehmen und was wir heute fliegerisch vorhaben. Zusammen mit den ganzen neuen Verhaltensregeln am Flugplatz, die natürlich auch meiner eigenen Sicherheit dienen, ist das ganz schön viel zu merken. Da es der Saisonbeginn ist, stehen erst mal Überprüfungsstarts für alle Piloten mit Fluglehrer an. Das sind natürlich einige Starts, die über den Tag durchgeführt werden müssen. Daher fängt auch meine Ausbildung erstmal „nur“ mit einem Start am ersten Tag an. Aber das ist ja auch schon aufregend und anstrengend genug. Nach der ausführlichen Einweisung in das Flugzeug und in das Verhalten in Notfallsituationen steigen Michael und ich in die K7 ein und wir schließen die Haube. Er erklärt mir den Startcheck, den wir gemeinsam durchführen und nach einem kurzen „Einklinkbereit“ hängen wir schon am Seil. Der erste Start ist ein F-Schlepp, den natürlich Michael fliegt, ich fühle aber mit und bekomme einen ersten Eindruck vom Ablauf. Nach dem Ausklinken fliegen wir einige Übungen, damit ich mich an die Wirkung der Ruder und deren Zusammenspiel gewöhnen kann. Macht das einen Spaß! Dann geht es ab zur Landung, die wieder Michael durchführt und mir dabei alles erklärt. Wahnsinn, an was man da alles denken muss. Nach dem Aufsetzen und Ausrollen bin ich zunächst mit Eindrücken überladen, aber strahle über das ganze Gesicht. Das Feuer fängt an zu glimmen…

03.04. – Start 2-4

Mittlerweile habe ich die Eindrücke meines ersten Schulungsfluges gut verarbeitet und bin bereit für die weitere Schulung. Gemeinsam mit Dieter mache ich heute drei Windenstarts, da ich auch in der weiteren Ausbildung erstmal an der Winde fliegen werde. Bereits nach dem ersten Einweisungsstart darf ich bei Start und Landung schon etwas mitsteuern.

05.05. – Start 19-21

Seit dem letzten Bericht sind auch schon wieder einige Wochen und Flugtage vergangen und immer mehr kann ich bei den Flügen selbst das Steuer übernehmen und meine Fluglehrer müssen nur noch selten eingreifen. Schon nach kurzer Zeit hatte ich dieses beruhigende Gefühl, dass das Flugzeug und ich auch dann heil wieder am Boden ankommen würden, wenn mein Fluglehrer aus unerfindlichen Gründen in Ohnmacht fallen sollte. Michael erzählt mir später, dass ihm die meisten Flugschüler irgendwann von diesem Moment berichten. Irgendwie findet er das aber auch etwas beleidigend. Warum soll er schließlich in Ohnmacht fallen?

Heute sah es zum ersten Mal so aus, als würde es auch mal etwas Thermik geben und ich brannte schon darauf, mal länger als nur einige Minuten nach dem Windenstart zu fliegen. Beim dritten Start mit Hermann konnten wir uns dann ordentlich in die Höhe schrauben und haben das neben meinen ersten Versuchen zum Thermikkreisen auch gleich genutzt, um mit mir eine Trudeleinweisung zu fliegen. Wir überziehen das Flugzeug, kreuzen die Ruder und die K7 kippt über die Fläche ab und fällt ins Trudeln. Kurzes Staunen meinerseits, dann geben wir volles Seitenruder dagegen und lassen das Höhenruder nach. Die Drehbewegung hört auf, die Fahrt ist wieder da und wir können abfangen. Ein sehr beeindruckender und ungewohnter Flugzustand, der sich bei richtiger Steuerung des Flugzeugs aber auch schnell ausleiten lässt. Die ersten Andeutungen, dass ich wenn ich so weiter mache demnächst alleine fliegen darf, fallen auch schon. Dass demnächst ziemlich bald sein sollte, ahnte ich da aber noch nicht. Die ersten Flammen züngeln…

15.5. – Start 24-29

Es herrscht eine ganz besondere Stimmung auf dem Flugplatz an diesem Samstag und mir ist vollkommen klar, dass da was im Busch ist. Meine Fliegerkameraden tuscheln wenn ich weiter weg bin und wenn ich näher komme strahlen sie mich an. Na gut, sieht so aus als solle ich heute alleine fliegen. Eine leichte Nervosität keimt in mir auf. Meine Vermutung bestätigt sich, als Michael nach unserem ersten gemeinsamen Start zu mir sagt, dass ich gleich danach noch einen Start mit Jürgen machen soll. Da plötzlich auch die Thermik da ist und meine Flüge bis auf eine Ausnahme immer nur kurz waren, nutzen wir die guten Verhältnisse auch gleich und fliegen etwas länger, was mir auch nochmal sehr viel Sicherheit gibt und nebenher auch einen riesigen Spaß macht. Nach der Landung scheint auch Jürgen zufrieden mit mir, nimmt den Fallschirm vom hinteren Platz und sagt „Den nächsten machst du alleine“. Immerhin ist das Überraschungsmoment nicht zu groß, geahnt habe ich es ja schon. Nach nur 26 Starts mit Lehrer darf ich nun also zum ersten Mal alleine fliegen. Kann ich das überhaupt schon? Dass meine Fluglehrer der vollen Überzeugung sind, dass ich das hinkriege, hilft mir natürlich sehr. Aber im Endeffekt muss ich ja nur genau das machen, was ich vorher auch immer gemacht habe, nur jetzt eben ohne dass jemand eingreift wenn es nicht richtig ist. Wird also schon irgendwie klappen. Vor dem Start stehen fast alle Kollegen grinsend neben dem Flugzeug und wünschen mir viel Spaß. Ich bin sehr aufgeregt, habe Respekt davor alleine zu fliegen, aber keine Angst. Schon beim Startcheck vergesse ich vollkommen, dass ich alleine im Flugzeug sitze. Mir fällt nur auf, dass die K7 ohne Fluglehrer im Heck doch an der Winde etwas besser steigt. Nach dem Ausklinken und Abdrehen in den Querabflug wird mir plötzlich wieder bewusst, dass ich alleine im Flugzeug sitze und mir entfährt ein kurzer Freudenschrei. Was für ein unvergleichlicher Moment, das werde ich wohl nie vergessen. Ein kurzer Blick auf die Instrumente, Fahrt im grünen Bereich, Höhe etwa 450 m, gut alles klar, Blick in die Luft, weit und breit niemand unterwegs. Schiebefenster zu und nochmal wird es etwas ruhiger. Zum ersten Mal dieses Gefühl, das wohl jeder Segelflieger liebt. Die unendliche Freiheit. Ich habe das Gefühl, ich könnte jetzt hinfliegen wo ich will. Dass weder die Thermik noch meine Fluglehrer das erlauben ändert ja nichts daran, dass ich es theoretisch könnte. Ein ganz kleines bisschen halte ich mich noch im Übungsraum in der Luft und nehme noch ein bisschen Steigen mit, dann gehe ich zur Landung über. Landeeinteilung und Landeanflug gehen wie gewohnt, bloß beim Abfangen merke ich wieder, dass das Flugzeug etwas leichter ist, wenn nur ich darin sitze. Ich fange etwas zu stark ab und schwebe etwa einen Meter über dem Boden und muss nochmal leicht nachkorrigieren, dadurch wird die Landung zwar etwas länger als geplant, aber trotzdem setze ich nach immerhin 11 Minuten Flugzeit recht sanft auf. Nach der Landung stürmen erstmal alle auf mich zu und wollen wissen wie der erste Flug alleine war. Ich glaube das einzige was ich gesagt habe war einfach nur „Toll!“. Wer mich kennt, weiß wie selten die Momente sind in denen ich einsilbig rede, das war einer davon. Meine Eltern, die schon seit Wochen mal am Wochenende auf dem Flugplatz vorbeischauen wollten, sind tatsächlich aus Zufall genau während meines ersten Alleinfluges eingetroffen und stehen mit meinen Kameraden am Start. Alle haben sich mit mir über meinen ersten Alleinflug gefreut und waren stolz, aber natürlich blieb es nicht dabei. „Gleich noch zwei, dann hast du deine A-Prüfung“, sagen mir die Fluglehrer. OK, dann das gleiche Spiel gleich noch zweimal, und schon kehrt etwas mehr Routine ein. Stolz wie Oskar steige ich nach der dritten Landung alleine aus dem Flugzeug aus und gefühlt haben mir mehr Leute gratuliert, als überhaupt auf dem Flugplatz waren. Traditionsgemäß wird mir am Abend noch der Hintern versohlt, aber die Kameraden sind gnädig mit mir, offensichtlich bin ich ihnen nicht zu sehr auf die Nerven gegangen und ich bekomme meinen Dornenstrauß überreicht. Der hängt heute noch in meinem Büro und erinnert mich an diesen unvergesslichen Tag. Abends falle ich ins Bett und liege noch ewig wach, um die Vielzahl an Eindrücken zu verarbeiten. Und spätestens jetzt brennt die Flamme lichterloh…

Nach meinem ersten Alleinflug

Nach meinem ersten Alleinflug

Oli nach seinem ersten Alleinflug

Mit Dornenstrauß

26.5. – Start 40-44

Nach mittlerweile 15 Starts alleine auf unserer K7 folgt heute die Umschulung auf die ASK21, um mich auf Kunststoffflugzeuge vorzubereiten. Das ist doch ein ganz schöner Unterschied und vor allem das hohe Gewicht macht sich im Vergleich zur K7 durch die gefühlt schlechtere Wendigkeit doch ganz ordentlich bemerkbar. Auch im ersten Anflug bin ich ein Stück zu schnell, was sich bei der 21 durch ewiges Ausschweben und mehrmaliges Aufsetzen rächt, weil ich mit zu viel Fahrt das Flugzeug wieder vom Boden ziehe. Aber schon beim zweiten Mal klappt es schon deutlich besser. Trotzdem werde ich mit der 21 nicht auf Anhieb warm, das wird erst eine ganze Zeit später folgen.

19.6. – Start 45-48

Nach meiner Einweisung auf die 21 darf ich heute zum ersten Mal unseren Astir CS fliegen und somit auch meinen ersten Einsitzer. Ich fühle mich im Gegensatz zur 21 gleich beim ersten Flug wohl und nach der ersten Kurve merke ich schon, dass ich mit der Ruderabstimmung sehr gut zurecht komme. Ein tolles Flugzeug (hier wird der eine oder andere bestimmt lachen, aber jeder fängt ja mal klein an). Als zusätzlicher Punkt auf der Checkliste kommt hier natürlich noch das Einziehfahrwerk hinzu, dazu aber später mehr.

9.7. – Start 54

So langsam zweifele ich daran, dass ich jemals alleine mal länger fliegen werde, mein längster Flug ohne Lehrer dauerte bis jetzt 18 Minuten. Ich sitze gerade samstags daheim beim Frühstück, als mein Handy klingelt. Jovana und Florian sind auf dem Weg zum Flugplatz und fragen ob ich mit will. Normalerweise fliegen wir vorwiegend Sonntags, aber der Himmel sieht vielversprechend aus. Meine Intuition sagt ja und 5 Minuten später sitze ich im Auto. Florian möchte heute Motorsegler fliegen, Jovana hat sich mit Frank von unseren Neustädter Freunden für einen Streckenflug in der ASH25 verabredet. Nachdem wir mit Günter von den Neustädtern abgeklärt haben, dass ich dank Ausbildungsgemeinschaft auch unter seiner Aufsicht fliegen darf, bauen wir den Astir auf und gegen Nachmittag starte ich an der Winde. Schon im Querabflug merke ich, dass da ordentlich was geht. Fahrwerk rein und eingekreist. Siehe da, ich steige konstant mit 2 m/s. Und das sogar eine ganze Zeit lang, bis langsam die Wolkenbasis näher kommt und ich mich entscheide den Bart zu verlassen. Wow, 1400 m, so hoch war ich noch nie und auch weiter entfernte Orte erscheinen plötzlich so greifbar und erreichbar. Ich merke nach kurzer Zeit, dass der Astir auch ohne dass ich viel am Knüppel rumhantiere von ganz alleine fliegt und werde immer entspannter und genieße einfach die Zeit in der Luft. Irgendwann ertappe ich mich dabei, wie ich fröhlich anfange zu singen, na hoffentlich verklemmt sich nicht der Funkknopf und alle hören mit! Nach immerhin 2 Stunden und 21 Minuten lande ich wieder, eigentlich weil ich denke, dass Florian auch noch fliegen will. Das ist zwar nicht der Fall, aber da der Flug um ein vielfaches länger dauerte als alle vorherigen Flüge alleine, ist es dann auch besser sicher zu landen als möglichst lange zu fliegen und dann völlig ermattet „einzuschlagen“. Das Feuer wird zum Waldbrand…

Der Astir und ich sind mittlerweile gute Freunde geworden

Der Astir und ich sind mittlerweile gute Freunde geworden

16.7. – Start 59-61

Schon am Folgetag meines ersten längeren Fluges folgte die Einweisung auf F-Schlepp, weil auch das Fluglager ohne Möglichkeit zum Windenstart ansteht. Heute darf ich auch zum ersten Mal einen F-Schlepp alleine fliegen. Im Vergleich zum Windenstart ist das schon sehr entspannt. Man fliegt ja „nur“ dem Schleppflugzeug hinterher, wenn man schon grundsätzlich fliegen kann, fühlt sich das gar nicht so schwer an. Und man hängt eben nicht mit einem enormen Anstellwinkel an einem Windenseil, das jederzeit aufhören kann zu ziehen. Das habe ich auch mittlerweile schon zweimal am eigenen Leib erlebt, da hatte unsere Winde nämlich eine Umrichterstörung und hat Michael und mich auf etwas mehr als 100 m „rausgeschmissen“. Er hat ja als Fluglehrer eigentlich auch Spaß daran, unangekündigt einen Seilriss mit seinen Schülern zu simulieren. Dass die Winde ihm eine Seilrissübung aufzwingt, fand er allerdings nicht ganz so lustig. Aber wenn man weiß wie man reagieren muss, ist es auch gar nicht so schlimm und der Schreck weicht der Routine. „Nachdrücken, Nachklinken, Nachdenken“ heißt schließlich die Devise.

17.7. – Start 62-65

Nachdem ich auf der ASK21 den F-Schlepp gelernt habe und mich mittlerweile deutlich mehr mit ihr angefreundet habe, stand heute der erste F-Schlepp mit dem Astir an. Im Vergleich zur 21 muss man beim Astir ganz schön aufpassen, dass beim Anschleppen die Fläche nicht den Boden berührt, die Querruder wirken bei den niedrigen Geschwindigkeiten nur sehr wenig. Aber der F-Schlepp klappt gut. Im Vergleich zur Winde mit dem Astir fehlt mir hier allerdings etwas die Routine und ich vergesse einfach, nach dem Ausklinken das Fahrwerk reinzunehmen. Schade, denn ohne Fahrwerk hätte ich mich vielleicht noch etwas länger in der schwachen Thermik halten können. Beim Landecheck denke ich an das Fahrwerk und melde auch über Funk „Fahrwerk ausgefahren und verriegelt“. Der Landeanflug klappt gut, ich muss bloß die Klappen ungewohnt weit herausnehmen, um nicht zu weit zu kommen. Ich fange ab, lasse mit immer mehr gezogenem Höhenruder die Fahrt aushungern und denke mir „so langsam müsste das Rad doch jetzt mal rollen“. Die Fahrt wird immer weniger und ganz sanft sacke ich noch etwas durch. Es gibt einen leichten Schlag und ich stehe nach wenigen Metern. Ich bin vollkommen fassungslos und springe aus dem Flugzeug. Bin ich so hart gelandet, dass das Rad geplatzt ist? Ich schaue unter das Flugzeug und sehe kein Rad. Im Cockpit ist der Fahrwerkshebel verriegelt und ich komme ins Rätseln. Ich habe doch das Fahrwerk ausgefahren und auch Fahrwerk ausgefahren gefunkt? Dann merke ich, dass ich das Fahrwerk nach dem Schlepp nie eingefahren habe, sondern erst pünktlich vor der Landung. Immerhin wäre es mit Fahrwerk meine sanfteste Landung bisher geworden und daher war es auch ohne Fahrwerk nicht wirklich schlimm, am Rumpf sind nur leichte Grasspuren zu sehen. Wolfgang kommt mich mit dem Auto abholen und wir heben den Astir am Schwanz hoch, um das Fahrwerk wieder ausfahren. Kommentar Wolfgang: „Willkommen im Club. Entweder man hat es schon hinter sich oder es kommt noch“. Es freuen sich alle, dass nichts passiert ist und es werden keinerlei Vorwürfe geäußert, auch wenn ich mir natürlich ein paar lustige Kommentare anhören muss. Diese Atmosphäre hilft natürlich auch, seine eigenen Fehler offen anzusprechen, sodass alle daraus lernen. Ich persönlich werfe nach dem Ausfahren des Fahrwerks seitdem immer einen Blick auf das Piktogramm, damit das Fahrwerk auch wirklich draußen ist. Übrigens war ich in dieser Saison nicht der einzige, der den Astir ohne Fahrwerk gelandet ist. Namen werden hier aber nicht genannt.

31.7.-5.8. Start 66-73

Schon seit langem freue ich mich darauf und Julia und ich haben unzählige Mails mit den Franzosen hin und her geschrieben. Endlich ist es soweit. Wir packen unsere ASK21, den Astir, die LS1f und die LS4a ein und fahren zu unseren Freunden nach St. Quentin. Gleich am ersten Tag mache ich meinen Einweisungsflug auf das neue Gelände zusammen mit Jürgen. Der französische Schlepppilot schleppt uns schnurstracks geradeaus weg vom Flugplatz und vor lauter Feldern, die alle gleich aussehen, bin ich sehr froh, dass Jürgen mir zeigen kann, wo hier die Orientierungspunkte sind. Das Vario zuckt an diesem Tag allerdings noch kein bisschen, der Himmel ist komplett abgeschirmt. In den nächsten Tagen sollen noch einige schöne Flüge folgen, der längste davon 45 Minuten.

Am letzten Tag ist die Stimmung schon ganz leicht gedrückt, wir hatten uns etwas besseres Wetter gewünscht, insgesamt waren zwei Regentage dabei, an denen wir gar nicht geflogen sind. Gegen Mittag hat keiner Lust zu fliegen, weil thermisch bisher nichts ging, obwohl die Wettervorhersage gute Thermik voraussagt. Ich mache den Astir startklar und denke mir dann mache ich eben noch einen Übungsstart, bevor die Thermik kommt. Als ich die Haube geschlossen habe und abflugbereit melde, sehe ich schon wie eine Ablösung den Windsack in Wallung bringt und die Wolken langsam aufreißen. Kurz nach dem Einklinken krabbelt ein etwa 2,5 cm langer Käfer den Instrumentenpilz hoch. Da die Schleppmaschine schon Gas gibt, ist es aber zu spät die Haube zu öffnen und ihn rauszuwerfen. Eigentlich darf man ja als Flugschüler keine Passagiere mitnehmen, erst recht nicht im Einsitzer, aber das ist ja quasi gezwungenermaßen. Bereits vor der vereinbarten maximalen Schlepphöhe klinke ich aus, weil da ein schöner Bart steht. Der trägt mich direkt Richtung Wolkenbasis, die sehr niedrig hängt. Also heißt es immer etwas Höhe abfliegen und dann wieder ein kleines Stück steigen. Einmal sinke ich bis auf 300 m und grabe mich nur mit Mühe wieder aus, daher fange ich später schon deutlich höher an zu kurbeln. Da ich nicht mit einem längeren Flug gerechnet habe, habe ich auch gar nicht auf die Uhrzeit geschaut und weiß nicht wirklich wie lange ich schon in der Luft bin. Mir wird bloß bewusst, dass ich in der Zwischenzeit schon etwa 10 Schlepps beobachtet habe, also bin ich wohl schon eine Zeit lang unterwegs, was ich dann auch von meinen Kameraden am Boden per Funk erfahre. Der bereits erwähnte Käfer erweist sich als guter Kamerad im Flug, er scheint ein feines Gefühl für die Thermik zu haben. Wenn ich auf eine schöne Cumulus-Wolke zufliege, krabbelt er den Instrumentenpilz hoch. Und wenn er hochkrabbelt, geht auch die Thermik. Wenn ich aus dem Bart herausfliege, kommt er mir an den Innenseite der Haube entgegen und wird eine Handbreit vor meinem Kopf Richtung Instrumentenpilz weggeschnippt. Das scheint er zu verstehen und bleibt eine Zeit lang dort. Ich beschließe spontan, ihn Anton zu nennen. Einmal meint er, selbst fliegen zu müssen und kommt auf mich zu. Das kann ich als verantwortlicher Pilot natürlich nicht hinnehmen, hier fliege nur ich, daher wird er Richtung Fußraum weggeschnippt und die nächsten 15 Minuten hört und sieht man nichts mehr von ihm, vielleicht ist er beleidigt. Am Schluss werden es dann insgesamt 4 Stunden und 21 Minuten, bis die Thermik schließlich aufgibt. Wenn ich gedurft hätte, wäre ich gerne auch etwas weiter vom Platz weggeflogen und nicht nur innerhalb Sichtweite des Fluglehrers, aber dafür braucht man nunmal zunächst zumindest das BZF, die Theorie, Überlandeinweisungen und einen schriftlichen Flugauftrag.

Anton ist übrigens nach dem Öffnen der Haube sofort weg. Trotz sanfter Landung gibt es noch nicht mal Beifall von ihm.

Einerseits wäre ich gerne noch etwas länger geflogen und hätte die 5 Stunden vollgemacht, andererseits bin ich wirklich erschöpft, als ich am Boden ankomme. An diesem Abend gehe ich hundemüde, aber überglücklich ins Zelt und schlafe wie ein Stein.

Ausblick über die Picardie bei beeindruckendem Wolkenbild

Ausblick über die Picardie bei beeindruckendem Wolkenbild

22.8.

Wie schon erwähnt, habe ich bereits bei einigen längeren Flügen Blut geleckt und angesichts meiner Fortschritte haben mich die Fluglehrer immer mehr ermutigt, doch in diesem Jahr noch den Schein zu machen. Angesichts der vielen zu passierenden Hürden wird mir dabei fast schwindlig, aber ich will es angehen.

Erster Schritt: das Funksprechzeugnis. Auf den Kurs des Luftsportverbandes in den Herbstferien will ich nicht warten, dann wird der Schein auf keinen Fall mehr dieses Jahr hinhauen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich dafür noch extra eine Woche Urlaub nehmen müsste. Also recherchiere ich ausführlich und melde mich schließlich bei Ellen Kaag in Egelsbach zum Kurs an und kann mir an zwei Wochen alle notwendigen Kenntnisse aneignen, um die Prüfung bei der Bundesnetzagentur ohne Probleme zu bestehen. Leider kann ich dadurch an zwei Wochenenden kaum fliegen. Gewonnene Zeit im Vergleich zum Kurs beim Luftsportverband: immerhin ganze 7 Wochen.

7.9.

Und schon folgt der nächste Prüfungstag, nun mit der theoretischen Prüfung. Nach vielen Stunden Theorievorbereitung und einer Vorprüfung bei Dieter bin ich soweit, um die offizielle Prüfung zu wagen.

Eigentlich wollte ich ja schon letzte Woche die Prüfung machen, aber der Landesbetrieb Mobilität schien unerreichbar. Direkt am Montag rufe ich dort an und kann mit der Sachbearbeiterin für den Mittwoch einen Termin abmachen. Die Prüfungsgebühr überweise ich sofort online, um keine weitere Verzögerung reinzubringen. Insgesamt bin ich deutlich länger mit dem Auto zum Flughafen Hahn unterwegs, als die eigentliche Prüfung dauert, die ich schon nach etwas mehr als 1,5 Stunden abschließen kann. Als ich abgeben will fragt mich der Aufseher nur: „Sind Sie der Herr …?“. Ich bejahe und er lacht. „Dachte ich mir schon, Sie sind wohl mit allem so schnell. Sie hatten ja schon die Gebühr überwiesen bevor wir das im System buchen konnten“.

Ich lache nur und bin mir nicht ganz sicher ob er es positiv oder negativ gemeint hat.

3.10. – Start 88

Mittlerweile habe ich auch meine Überlandeinweisungen hinter mir, aber um die Möglichkeit, dieses Jahr den Schein zu machen bibbere ich schon ganz ordentlich. Seit meiner Theorieprüfung gab es zwei Tage, an denen ein 50 km Flug nur mit höchstem Außenlanderisiko eventuell möglich gewesen wäre und die Thermik wird immer schwächer. Aber siehe da, heute haben wir Westwind und am Haardtrand bildet sich eine kleine Welle. Auf meiner Segelflugkarte sind schon seit einiger Zeit zwei Kreise eingezeichnet: Radius 25 und 50 km. Also entweder ein Ziel-Rückkehrflug mit insgesamt 50 km oder ein Flug mit anschließender Landung über 50 km. Angesichts der Route, die genau entlang der Welle liegt, bietet sich heute also Schweighofen an. Nach einer ausführlichen Einweisung in den Wellenflug durch meine Fluglehrer darf ich dann mit dem Astir los und bin begeistert. Schon im Schlepp wird es plötzlich still und wir steigen was das Zeug hält. Ich klinke aus und steige einfach geradeaus weiter, was für ein verrücktes Gefühl. Gegenüber diesem ständigen Arbeiten und Nachkorrigieren im Thermikflug ist das ja wahnsinnig entspannend. Als ich schließlich auf 2200 m bin, hört das Steigen langsam auf, aber ich weiß, dass das eine gute Voraussetzung ist, um mein Ziel anzufliegen: Schweighofen. Mein Puls verdoppelt sich fast vor Freude und ich mache mich auf den Weg. Bis deutlich nach Landau fliege ich quasi höhenneutral in der Welle und der Endanflugrechner meiner iPhone-App zeigt mir gemütliche 1500 m Ankunftshöhe, wenn ich jetzt direkt zurück nach Lachen fliegen würde. Erst danach fängt es langsam an zu sinken und ich komme gemütlich bis nach Schweighofen, auf dem Rückweg geht es runter bis auf 1700 m, dann beginnt schon wieder das Steigen und ich steige im Geradeausflug wieder auf 2200 m.

Ich sitze im Cockpit, genieße die Ruhe und traumhafte Aussicht in der Welle und singe vor Freude, dass ich tatsächlich noch in diesem Jahr 50 km fliegen konnte. Jetzt bloß hoffen, dass der Logger funktioniert hat. Dieter ermahnt mich über Funk, die Föhnlücke im Auge zu behalten, nicht dass sich die Wolken unter mir schließen. Ich verspreche, sehr gut darauf zu achten. Aber noch ist die Föhnlücke groß und ich bin ja genau darüber. Eine ganze Zeit später, weiterhin auf 2200 m, sehe ich wie nun ganz langsam der sichtbare Streifen Landschaft schmaler wird. Also die Störklappen raus und mit leicht erhöhter Fahrt ab durch das noch sehr große Loch und zurück zum Platz. Mit 8 m/s über mehrere Minuten nach unten ist ja gefühlt fast wie ein Landeanflug mit einem Airliner.

Unten angekommen erzähle ich noch gar nicht groß herum, dass ich gerade 50 km geflogen bin, erstmal will ich in Ruhe mit Michael den Logger auswerten und sichergehen, dass es auch wirklich gereicht hat. Die Log-Datei sieht aber gut aus und ich war kurz vor Schweighofen maximal 36 km vom Platz entfernt. Insgesamt bin ich also 72 km ohne Höhenverlust geflogen, das reicht!

Nun also alle Unterlagen fertigmachen und hoffen, dass ich noch rechtzeitig einen Prüfer bekomme, bevor das Wetter gar nicht mehr mitspielt.

Flug

Ausblick beim Flug „auf der Welle“

30.10. – Start 99-100

Einige Wochen sind seit meinem Flug in der Welle vergangen und ich bin quasi ein Nervenbündel. Gefühlt dauert alles eine Ewigkeit, unzählige Dokumente müssen vorbereitet werden und durch mehrere Instanzen. Zunächst muss mich unser Ausbildungsleiter Dieter an den Luftsportverband melden, nach Prüfung meldet dieser meine Anmeldung für die praktische Prüfung weiter an den Landesbetrieb Mobilität. Ich würde am liebsten mehrmals täglich anrufen und nachfragen, aber erstens habe ich dafür unter der Woche keine Zeit und zweitens würde es wohl auch nicht zu einer schnelleren Bearbeitung führen. Als schließlich der Landesbetrieb Mobilität mir eine E-Mail mit dem Namen und der Telefonnummer des Prüfers schickt, fällt mir ein Stein vom Herzen, bereits wenige Minuten später rufe ich dort an und mache einen Termin für den heutigen Sonntag aus. Trotzdem bibbere ich weiter. Das Wetter wird nicht besser, letzten Sonntag konnten wir wegen Bodennebels und einer unendlich niedrigen Basis überhaupt nicht fliegen. Aber siehe da, es herrscht schon direkt morgens strahlender Sonnenschein, ich bin fit und kann zum Flugplatz fahren. Gemeinsam mit mir macht Carl-Philipp von unseren Neustädter Freunden seine Prüfung. Natürlich habe ich seit meinem 50 km Flug fleißig weitergeübt und gehe daher recht entspannt in die Prüfung. Nach einem gemeinsamen Vorflugcheck nach Klarliste, mit dem der Prüfer offensichtlich zufrieden ist, darf zuerst Carl-Philipp fliegen und besteht souverän die Prüfung.

Dann bin ich dran. In sehr entspannter Atmosphäre machen wir zwei Flüge, einen Windenstart, einen F-Schlepp-Start. Abgefragt wird das Standardprogramm wie 30°-Kurven, 45°-Kurven, Kurvenwechsel, Sackflug und Schnellflug. Besprochen wird außerdem natürlich das Verhalten in besonderen Fällen wie zum Beispiel ein Startabbruch, sowohl für den Windenstart als auch für den F-Schlepp. Ansonsten will der Prüfer zwei ordentliche Platzrunden und Landungen sehen. Insgesamt fühlen sich die Flüge wegen der guten Stimmung und des sehr netten Prüfers, der mir mit ruhiger Stimme freundlich vorgibt, was er von mir sehen will, eher wie „Gastflüge“ als wie Prüfungsflüge an. Nach der zweiten Landung gratuliert mir mein Prüfer zur bestandenen Prüfung. Das, worauf ich jetzt den ganzen Sommer hingearbeitet habe, habe ich nun erreicht. Ich bin unendlich glücklich, stolz mein Ziel erreicht zu haben, freue mich wahnsinnig darauf in Zukunft nach eigenem Ermessen ohne Flugauftrag weg vom Platz zu dürfen und bin schließlich vor lauter Erleichterung auch ganz schön müde.

Fazit

Insgesamt war der zweite Prüfungsflug mein 100. Start auf Segelflugzeugen. Während meiner Ausbildung bin ich 40 Starts mit einer Gesamtflugzeit von 10:26 h mit Lehrer (davon zwei auf TMG für Überlandeinweisungen und Außenlandeübungen) bzw. Prüfer und 62 Starts alleine mit einer Gesamtflugzeit von 21:36 h geflogen.

Ein großes Dankeschön geht an alle, die das ermöglicht haben. Zunächst an Jovana, die mich überhaupt erst auf die Idee gebracht hat. Dann natürlich an alle Fluglehrer, die mich nach Kräften unterstützt und motiviert haben und an alle Fliegerkameraden für diese trotz des durchwachsenen Wetters großartige Flugsaison und viele schöne Flugtage. Ich freue mich schon auf viele weitere Jahre gemeinsam mit euch! Nicht zuletzt noch vielen Dank an alle meine Freunde, die es mit Fassung getragen haben, dass ich unermüdlich vom Fliegen geschwärmt habe.

Und natürlich die Frage zum Schluss: Wie geht es weiter? Mein Feuer brennt für das Fliegen wie eh und je und ich bin weiterhin hochmotiviert. Vielleicht gibt mir das Wetter ja noch die Gelegenheit, gleich an meiner TMG-Berechtigung weiterzumachen. Ansonsten steht das auf jeden Fall für nächstes Jahr auf dem Programm. Wenn ich genügend Starts und Flugzeit gesammelt habe, werde ich auf jeden Fall noch über eine Fluglehrerausbildung nachdenken. Eine Leidenschaft mit anderen zu teilen, ist schließlich noch viel besser als sie nur selbst zu verfolgen.

Nächstes Jahr stehen auch einige Streckenflüge auf dem Plan, um mal die Umgebung etwas weiter weg vom Platz zu erkunden.